Der Wolf

 

Letzte Aktualisierung : Mittwoch, 29. März 2006 09:54:46

 

DER WOLF

 

EINFÜHRUNG

VOM JÄGER ZUM GEJAGTEN

 

SOZIALES VERHALTEN

DER MIT DEM WOLF TANZT

 

JAGEN IN FREIER WILDBAHN

 DES WOLFES ZAHN

 

EPILOG

 DIE WIEDERKEHR DER WÖLFE

 

 

DER WOLF

 

Von allen Landsäugetieren hat nur eines einen grösseren Verbreitungsraum und eine komplexere soziale Struktur als der Wolf: der Mensch. Nach Jahrtausenden düsterer Mythen und gnadenloser Ausrottungsversuche ist der Canis lupus heute zum mahnenden Symbol für das Fehlverhalten des Menschen gegenüber der ihm anvertrauten Natur geworden. Aufgrund seiner ausgeprägten Intelligenz, seines differenzierten Sozialverhaltens, seiner trickrei­chen Jagdmethoden und seiner erstaunlichen Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen wird der Wolf heute respektiert. Vom weissen Polarwolf im eisigen kanadischen Norden bis zum zierlichen Rotwolf im Süden der Vereinigten Staaten beginnt der Wolf allmählich, sich in Gebieten des nordamerikanischen Kontinents wieder anzusiedeln, aus denen er bereits verschwunden war.

 


 

Weit entfernt, auf der anderen Seite des Tanana, ein oder zwei Meilen südlich von uns, sang ein Rudel Wölfe. Ich sage bewusst singen und nicht heulen, denn es klang wie ein Lied. Wir konnten drei, vielleicht sogar vier Stimmen unterscheiden. Zitternd zuerst, dann lauter werdend, einander antwortend, bis schliesslich alle zu einem wirren Chor verschmolzen. Dann erstarben die Stimmen und hallten als fernes Echo über den zugefrorenen Fluss, um kurz darauf wieder einzusetzen. Es blies ein schwacher, unsteter Wind, und der Gesang schwoll an und verhallte wieder, während er zu uns getragen oder nach Süden fortgeweht wurde. Genauso gut hätte er 1000 Jahre über Eis und Windgepeitschten Schnee aus einer anderen Zeit herüberklingen können, wie uns das Licht eines Sterns erreicht, dessen Quelle längst erloschen ist.

 

 

 

John Haines in:

The Stars, The Snow, The Fire

 

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Ein Wolfsrudel wird von zwei dominanten Wölfen angeführt, die man in der Fachsprache als Alpha-Männchen und Alpha-Weibchen bezeichnet. Das Rudel hält sich in einem genau festgelegten Territorium auf, dessen Grenzen das dominante Männchen regelmässig kennzeichnet, indem es auffallende Stellen wie Bäume und Steine mit Urinspritzern oder dem Duft seiner Duftdrüsen markiert. Die Grösse des Territoriums variiert je nach Nahrungsangebot und Beschaffenheit des Geländes. Auf Vancouver Island beispielsweise gibt es Rehe im Überfluss, so dass ein zehnköpfiges Wolfsrudel dort nur ein Jagdgebiet von 60 Quadratkilometern verfügt. Im Norden Michigans benötigt ein gleichgrosses Rudel möglicherweise ein zehnmal grösseres Territorium, und im Norden Albertas kontrolliert es vielleicht ein Gebiet von bis zu 1300 Quadratkilometern.

 

 

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EINFÜHRUNG

VOM JÄGER ZUM GEJAGTEN

 

IN DER NATUR ERFOLGREICH,

IN DER GESCHICHTE VERDAMMT:

 

 

Als gelbäugiges, erbarmungsloses, blutrünstiges Schattenwesen umkreist der Wolf die Weit des Menschen, haust in den Kiefernwäldern jenseits des Feuerscheins und geistert als dunkle Macht durch uralte Mythen. Es ist kaum verwunderlich, dass der Mensch seit Jahrtausenden eine Art Hassliebe zu diesem Raubtier hegt, denn der Wolf hat mit ihm nicht nur dasselbe Territorium geteilt, er ist ihm in vielen Punkten auch recht ähnlich. Mit Ausnahme seines Todfeindes, des Homo sapiens, ist der Grauwolf (Canis lupus) das Säugetier mit dem grössten Verbreitungsgebiet. Schon vor 12'000 Jahren erkannten unsere Vorfahren im Nahen Osten sein ausgeprägtes Sozialverhalten und begannen, ihn zu domestizieren, und machten Ihn damit zum Urahn aller 120 heutigen Hunderassen. Die Ergebenheit des Wolfes seinem Rudelführer gegenüber, seine zärtliche Fürsorge bei der Aufzucht der jungen, seine geschickte Jagdtechnik, sein poetisches Heulen, selbst seine blutdürstige Natur - manchmal tötet er nur um des Tötens willen - erscheinen wie ein Spiegelbild der primitiven Seiten des Menschen, Deshalb bevölkert der Wolf wohl auch so viele Märchen und Mythen der nördlichen Hemisphäre. Überall ist Canis lupus zu finden: auf 20'000 Jahre alten Höhlenzeichnungen in Südeuropa, in Berichten mesopotamischer Bauern, die vor 7'000 Jahren verfasst wurden, in der Dämonologie des frühen Christentums, in mittelalterlichen Geschichten von Werwölfen und in Schauermärchen wie Rotkäppchen' oder Der Wolf und die sieben Geisslein'. Im Laufe der Zeit verfestigte sich sein fataler, jedoch völlig unverdienter Ruf als lnkarnation des Bösen immer mehr. Diese Fehleinschätzung ist grösstenteils das Werk bäuerlicher Kulturkreise in Europa, die nach einer Rechtfertigung für die Vernichtung eines Raubtieres suchten, das gelegentlich Appetit auf ihre Haustiere verspürte.

In Nordamerika, wo die indianischen Jäger und Sammler keine domestizierten Vieh-, Ziegen- oder Schafherden kannten, wurde der Wolf geachtet und sogar verehrt. Er galt als stark und weise, als geborener Jäger, sogar als Lehrer, dessen Jagdtechniken der Mensch nachahmen und erfolgreich gegen Büffel und Karibus einsetzen konnte. Doch mit der Ankunft der europäischen Siedler im 17. Jahrhundert begann auch in Amerika die Ausrottung des Wolfes. Die Tatsache, dass der Wolf im Laufe der letzten 300 Jahre sowohl in Europa als auch in fast allen amerikanischen Bundesstaaten gänzlich ausgerottet wurde, ist auf die Macht der bäuerlichen Gemeinschaften zurückzuführen, die immer wieder neue Mythen und Gesetze erfanden gegen die imaginäre Bedrohung durch den "Grossen Bösen Wolf", der an die Haustür klopft und nur darauf wartet, sämtliche Bewohner mit Haut und Haar zu verschlingen.

Tatsache ist, dass kein anderes Tier auf so unverdiente Weise dämonisiert und so gründlich missverstanden wurde wie der Wolf.

Einst bevölkerten Wölfe den Grossteil Nordamerikas - von den eisigen Inseln Kanadas bis zu den trockenen zerklüfteten Gebirgsregionen Zentralmexikos. Die einzigen Gebiete, in denen sie nie lebten, waren der südöstliche Zipfel der USA und die kalifornische und mexikanische Küstenregion. Innerhalb dieses riesigen Verbreitungsraumes passte sich der Wolf den verschiedensten klimatischen und geographischen Bedingungen an und stellte sich auf eine Vielzahl von Beutetieren ein. Einige Wissenschaftler glauben, dass diese unterschiedlichen Bedingungen dazu führten, dass sich in Nordamerika 24 Untergruppen von Wölfen entwickelten. Andere gehen von einer sehr viel kleineren Zahl aus und sprechen von nur fünf Untergruppen.

Der Timber- oder Grauwolf der kanadischen Wälder ist der grösste Vertreter der Caniden (hundeartigen Raubtiere), zu denen auch Kojote, Fuchs, Dingo und Schakal gehören. Der Grauwolf ist etwa 75 Zentimeter gross und zwei Meter lang und steht in fast allen Verbreitungsgebieten an der Spitze der Nahrungskette. Diese Stellung machen ihm im pazifischen Nordwesten nur Puma und Grizzly, in arktischen Gebieten nur der Eisbär streitig. Das dichte grauweisse Fell des Timberwolfes, seine langen Beine und die beeindruckenden, zehn Zentimeter breiten Pfoten befähigen ihn, selbst auf gefrorenem Schnee Hirsche und Elche zu verfolgen. Der kleinere Weisswolf oder Polarwolf, der in Nordkanada und Alaska vorkommt, ist dank seiner Tarnfarbe hervorragend in der Lage, in seinem Verbreitungsgebiet Moschusochsen- und Karibubherden zu jagen. Naturforscher berichten, dass er als einzige Wolfsart noch kein instinktives "Misstrauen gegenüber dem Menschen entwickelt hat. Geduldige Beobachter schildern sogar, wie verspielte Wolfswelpen einem Fotografen die Schnürsenkel aufzogen und ausgewachsene Wölfe an die Zeltpfosten der menschlichen Eindringlinge urinierten, um ihre Territorialansprüche geltend zu machen.

Der vom Aussterben bedrohte Rotwolf, der heute nur noch in entlegenen Gebieten von Louisiana und Texas vorkommt, ist der kleinste Vertreter der Wolfsfamilie. Er hat die recht ungewöhnliche Fähigkeit entwickelt, sich auf seinen dünnen Hinterbeinen aufzurichten, um auf der Suche nach Kaninchen und Ratten, Steppe und Sümpfe besser Überblicken zu können. Der gräuliche Mexikanische Wolf, der in Trockengebieten vorkommt, steht kurz vor dem Aussterben. In freier Wildbahn

gibt es inzwischen weniger als 40 Tiere. Trotz aller Unterschiede, was äussere Erscheinung und Verbreitungsgebiet betrifft, sind sich die diversen Untergruppen, was Gruppenstruktur, Paarung, verhalten, Aufzucht der Jungen, Spielverhalten und Jagdtechniken angeht, recht ähnlich. Diese genauen Einzelheiten sind heute bekannt, da der Wolf aufgrund seiner langen und wechselvollen Beziehung zum Menschen wahrscheinlich das am meisten erforschte wildlebende Tier der Welt ist. Während der letzten 50 Jahre haben Wissenschaftler unzählige Stunden damit verbracht, das Verhalten des nordamerikanischen Wolfes detailliert auf- zuzeichnen. Ganz allmählich wurden dabei die alten Verstellungen und Vorurteile durch Informationen ersetzt, die nicht auf Aberglauben und Angst basieren, sondern auf genaue Beobachtungen und Analysen.

Nur wenige Säugetiere weisen ein so hochentwickeltes Sozialverhalten auf und sind ihrer Gruppe so treu ergeben wie der Wolf. Im Gegensatz zum Kojoten und Fuchs lebt der Wolf einzig und allein für sein Rudel. Der berühmte "einsame Wolf" ist die seltene Ausnahme. Meist handelt es sich dabei um schwache Tiere, Aussenseiter oder Ausgestossene. Ein solcher Einzelgänger muss manchmal zwischen zehn und 1000 Kilometer zurücklegen und vorsichtig die Territorien fremder Rudel durchqueren, bis er endlich eine Gefährtin findet, mit der er sein eigenes Rudel gründen kann. Doch für die meisten Wölfe beginnt und endet das Leben in einer festen sozialen Gruppe, einem Rudel von acht bis 15 Tieren. Die Rangordnung ist allen Mitgliedern bekannt und wird immer wieder durch kleine Gefälligkeiten, Rituale, Zurechtweisungen und Kämpfe aufrechterhalten. Rudelführer sind das sogenannte Alpha-Männchen und das Alpha-Weibchen. Die übrigen, rangniedrigeren Mitglieder sind meist direkte Nachkommen des Alpha-Paares, so dass das Rudel im Grunde aus einer einzigen grossen Familie besteht. Einige rangniedrige Wölfe helfen bei der Fütterung und Aufzucht der Welpen, die jedes Jahr im Frühling geworfen werden. Gejagt wird stets gemeinsam. Die Rudelmitglieder pflegen engen Körperkontakt, ruhen zusammen aus und heulen oft auch gemeinsam. Ihren Anführern demonstrieren sie jeden Tag aufs neue mit ritualisierten Verhaltensweisen ihre Ergebenheit.

Die Fähigkeit zu einem komplexen Zusammenleben innerhalb einer Gruppe unterscheidet den Wolf von den meisten anderen nordamerikanischen Tieren. Rangniedrige jüngere Wölfe verneigen sich buchstäblich vor den Alpha-Tieren und demonstrieren so ihre Unterwürfigkeit. Im Gegensatz zu den dominanten Rudelführern, die mit erhobenem Bein urinieren, nehmen viele rangniedrige Wölfe eine Hockstellung ein, um die Verteilung ihrer Duftmarkierungen möglichst gering zu halten. Bei den meisten Rudeln fungiert regelmässig ein schwächeres Tier als "Babysitter', hilft bei der Beaufsichtigung der Welpen und bleibt häufig hungrig zurück, während die Alpha-Eltern gemeinsam jagen. Beim Angriff auf grosse Beutetiere wenden Wölfe eine Vielzahl von Gruppenstrategien an. Sie werden von den Alpha-Tieren eingeleitet, die durch Lautäusserungen, Mienenspiel und Körpersprache ständig mit den anderen Rudelmitgliedern kommunizieren.

Eine andere Aufgabe des Rudels besteht darin, das Territorium gegen fremde Eindringlinge zu schützen. Die starke Bindung an ein bestimmtes Gebiet kann über mehrere Generationen erhalten bleiben. Die Grenzen werden streng bewacht und durch regelmässige Markierungsrituale alle 100 bis 200 Meter im Umkreis des Gebietes immer wieder gesichert. Die Grösse eines Territoriums, normaler- weise etwa 400 Quadratkilometer, hängt von der Dichte der Beutetierpopulation ab. Die Wölfe innerhalb dieses Gebietes betrachten das dortige Wild als ihre Beute. Fremde Wölfe, die in das Revier eindringen, werden angegriffen und gelegentlich sogar getötet.

Untersuchungen haben ergeben, dass Wölfe am liebsten wildlebende Tiere fressen, wenn möglich Huftiere wie Hirsche, Rehe und Bergschafe. Sie reissen jedoch auch andere Beutetiere, beispielsweise Bisons, Seehunde, Biber, Bisamratten, Wühlmäuse, Wasservögel oder Fische, und fressen mitunter sogar Abfälle oder Beeren. Zum Verhängnis wurde dem Wolf jedoch sein schlechter Ruf als Mörder von Nutztieren.

Um die Jahrhundertwende gab es mehrere amerikanische Wölfe, die für ihre Vorliebe für Nutztiere berüchtigt waren und sogar Spitznamen hatten. Einer dieser Wölfe hiess „Old Lefty" (er hatte in einem Schlageisen seine linke Pfote verloren) und erreichte in Colorado traurige Berühmtheit, weil er 1913 angeblich 384 Rinder gerissen haben soll. „Three Toes", ebenfalls ein durch eine Falle verstümmelter Wolf, soll zu Lebzeiten Vieh im Werte von 50'000 Dollar getötet haben. Obwohl es in Nordarmerika noch keinen einzigen Bericht über den Tod eines Menschen durch Wölfe gegeben hat, führten auch hier die tiefverwurzelte Angst vor Wölfen und deren gelegentliche Übergriffe auf Vieherden zu der Überzeugung, dass man die reissenden Bestien nur durch radikale Vernichtung bezwingen konnte.

Zwischen 1630 und 1960 wurde infolge der voranschreitenden Besiedlung des Westens die Ausrottung der Wolfspopulation in Nordamerika systematisch betrieben. Zuerst wurden Wölfe, wie zuvor in Europa, von Farmern und Viehzüchtern getötet, sobald sie sich auf deren Weide- oder Ackerland wagten. Als man auch den Westen zu erschliessen begann, berichteten die ersten Forschungsreisenden, dass es in den Great Plains genauso viele Wölfe wie Büffel gäbe. Farmer, Viehzüchter und Trapper folgten den Forschern und begannen einen verheerenden Vernichtungsfeldzug gegen den Wolf. Zweifellos hat auch die radikale Ausrottung ihrer natürlichen Beutetiere, etwa der Bisons in den Prärien und der Hirsche im Osten Kanadas, zum Verschwinden der Wölfe beigetragen. Übrigens war der Wolf nicht das einzige Raubtier, das der Mensch zum Aussterben verurteilte. Der Naturforscher Barry Lopez spricht von einem „amerikanischen Pogrom“, dem Millionen von Raubtieren zum Opfer fielen - vom Schwarzfussiltis, der immer noch vorn Aussterben bedroht ist, bis hin zum Weisskopf-Seeadler, dem Wappenvogel der Vereinigten Staaten

Wo gezielte Bejagung nicht zur Vernichtung der Wölfe führte, versuchte die Regierung, mit Prämienzahlungen das Massenschlachten voranzutreiben. 1909 erhielten Trapper in British Columbia für jeden erlegten Wolf zweieinhalb Dollar Kopfgeld'. 1949 waren die Prämien bereits auf 40 Dollar gestiegen. In anderen Gebieten verhielt es sich ähnlich. Ihren Höhepunkt erreichte die Wolfsjagd Ende der 40er Jahre, als in Kanada jährlich 10'000 Wölfe gegen Belohnung getötet wurden. Das Prämiensystem wurde in einigen Gebieten noch durch die Massenvergiftung von Wölfen ergänzt. Rancher in Texas legten mit Zyanid oder Strychnin versetzte Fleischbrocken aus, und Trapper im kanadischen Yukon Territory lockten die Tiere mit vergifteten Kadavern.

Der Vernichtungskampf gegen die nordamerikanische Wolfspopulation fand schliesslich um 1960 ein Ende. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Wolf bereits in fast der Hälfte seiner ursprünglichen Verbreitungsgebiete ausgerottet. Ausser in winzigen Enklaven im Süden der USA und in Mexiko haben Wölfe nur noch im nördlichen Minnesota überlebt, wo es heute noch etwa 1'200 Timberwölfe gibt. In fasst allen Bundesstaaten gibt es praktisch keine Wölfe mehr. Nur im Norden, in der Nähe der kanadischen Grenze, leben noch etwa 100 Exemplare. Eine imaginäre Linie, die Kanada von Ost nach West 50 bis 100 Kilometer nördlich der Grenze zu den USA durchzieht, bildet in etwa die Südgrenze des verbliebenen Lebensraums der wohl grössten überlebenden Wolfspopulation der Welt, etwa 60'000 Tiere. Auch in Alaska gibt es noch etwa 6'000 Wölfe.

Während der letzten Jahrzehnte hat sich das Ansehen des Wolfes in der Öffentlichkeit so grundlegend geändert, dass der langsame Niedergang der Wolfspopulation aufgehalten werden konnte. Teilweise ist dies auf die späte Erkenntnis zurückzuführen, dass der Wolf in den USA unmittelbar vor dem Aussterben stand. Ein sorgsamerer Umgang mit den natürlichen Beutetieren des Wolfes sowie die Abschaffung von Prämienzahlungen und Giftködern haben inzwischen dazu geführt, dass sich Canis lupus in einigen Gebieten, aus denen er bereits verschwunden war, wieder ansiedeln konnte. Mit Ausnahme des Mexikanischen Wolfes nehmen die Bestände aller verbliebenen Unterarten in Nordamerika heute wieder zu.

Noch folgenreicher als die verbesserte Pflege der Wildbestände und die veränderte Gesetzgebung ist das neue Wolfsbild der Öffentlichkeit. Heute ist der Wolf eine moderne Metapher für unberührte Natur. Menschen, die den Wolf am besten kennen, wie Forscher, Indianer, Trekking-Fans, kehren aus den letzten dem Wolf noch verbliebenen Rückzugsgebieten zurück und berichten von einem Wesen, das mit dem Ungeheuer aus den Schauergeschichten der Farmer und Siedler nichts gemein hat. Wolfskenner sind immer wieder tief beeindruckt vom liebevollen Umgang der Eltern mit den Welpen. Fütterung, Spiel und Erziehung der Welpen finden innerhalb des Rudels gemeinsam mit älteren Geschwistern statt. Auch die hochentwickelte und hartnäckige Art des Rudels, Beute aufzuspüren und zu überwältigen, ist bemerkenswert. Obwohl der Wolf jahrhundertelang als Viehräuber verfolgt wurde, weiss man heute, dass es in Wirklichkeit nur selten zu solchen Übergriffen kommt. In einer Untersuchung, die 1981 in Minnesota durchgeführt wurde, kam man zu dem Ergebnis, dass Wölfe im betreffenden Jahr aus einem Gesamtbestand von 300 000 Nutztieren nur 110 Schafe und 30 Rinder gerissen hatten.

Menschen, die mit Wölfen zusammengelebt haben, sind immer wieder fasziniert vom ausgeprägten Sozialverhalten innerhalb des Rudels. Ständig bleiben die Rudelmitglieder miteinander in Körperkontakt, lecken sich gegenseitig die Schnauzen, beschnüffeln sich, reiben ihre Körper aneinander, messen spielerisch ihre Kräfte, helfen verletzten Rudelmitgliedern und beschützen die Welpen. Ebenso beeindruckt sind sie von der erstaunlichen Orientierungsfähigkeit dieser Tiere, der sorgfältigen Markierung der Wanderpfade, der vehementen Verteidigung der Territorialgrenzen und ihrer grossen Ausdauer. Wölfe legen täglich weite Strecken zurück, bevor sie zu ihrer Höhle zurückkehren. Wenn nachts in den letzten Wolfsgebieten das unheimliche Heulkonzert beginnt, spürt man, dass die Dunkelheit noch immer ihre Geheimnisse birgt. Die einsame Klage der Wölfe, bei der zuerst nur eine Stimme, dann eine zweite und schliesslich der ganze Chor das schwermütige Lied anstimmt, erinnert den Menschen daran, wie gefährdet seine letzten freigebenden Mitgeschöpfe sind, und lässt ihn die unergründlichen Mysterien der Natur ahnen.

 

 

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SOZIALES VERHALTEN

DER MIT DEM WOLF TANZT:

EIN JAHR IM LEBEN EINES RUDELS

 

  

In den Wäldern des südtexanischen Tieflandes, wo Amberbäume zwischen den Bächen wachsen, die in den Fluss Sabine münden, scheint es auf den ersten Blick keine Wölfe zu geben. In den Mückenverseuchten, langsam nachwachsenden Wäldern der lsle Royale, die wie ein Auge im wolfskopfförmigen Lake Superior ruht, gibt es zwischen den Kiefern und Zitterpappeln an den Ufern der Flüsse zwar zahlreiche Rehe, doch auch hier lässt nichts auf die Anwesenheit von Wölfen schliessen. Auch in der kanadischen Provinz Yukon, wo sich die Weiden an den Hängen der Ogilvie Mountains beim ersten Septemberfrost silberweiss verfärben, sind nirgends Wölfe zu sehen.

Und dennoch gibt es sie. In Texas leben ein paar Hundert, auf der Isle Royale ein paar Dutzend, in Yukon sogar ein paar Tausend. Doch die Gemeinschaft der Wölfe bevorzugt die Wildnis, riesige Territorien, weit weg von der gefährlichen Nähe des Menschen. Der Wolf ist eines der scheuesten wildlebenden Grosstiere Nordamerikas und lässt sich nur selten blicken. Er jagt am liebsten im Zwielicht des frühen Morgens und in der abendlichen Dämmerung und schläft wahrend der Mittagsstunden. Als man vor zehn Jahren einmal Besucher des lsle Royale Nationalparks befragte, hatte kaum mehr als ein Dutzend von 15’000 Personen Wölfe gesehen.

Die meisten Menschen, die in die entlegenen Rückzugsgebiete der letzten Wölfe vordringen, bekommen die scheuen, geheimnisvollen Tiere gar nicht erst zu Gesicht. Sie hören höchstens von fern ihren klagenden Gesang. Wölfe heulen zwar nicht den Mond an, doch das Pfeifen eines vorbeifahrenden Zuges, der Ruf eines Eistauchers oder das weit entfernte Brummen einer Kettensäge können sie durchaus zum Heulen animieren. Meist heult ein Wolfsrudel jedoch vor Glück oder in nervöser Erwartung, fällt in den Gesang eines Mitglieds ein, das eine frisch gerissene Beute feiert, antwortet den Rufen eines verirrten Tieres oder reagiert auf das drohende Heulen eines fremden Rudels, das in der Nähe umherstreift. Jedes Rudel hat seinen eigenen, unverwechselbaren Gesang, wobei die einzelnen Wölfe miteinander harmonisieren wie die Mitglieder eines schwermütigen Gesangvereins. Das seltsame langgezogene jaulen dauert meist zwischen ein bis fünf Minuten und ist in stillen Nächten in der baumlosen arktischen Tundra oft über eine Entfernung von bis zu 250 Quadratkilometern zu hören.

Das Heulen mag zwar die bekannteste Lautäusserung des Wolfes sein, spielt im Kommunikationssystem der Tiere jedoch wahrscheinlich keine sehr wichtige Rolle. Wie die meisten Raubtiere lebt der Wolf nämlich in einer Welt, die hauptsächlich von Gerüchen geprägt ist. Die zwanghaften Duftmarkierungen verbinden die Rudelmitglieder durch den Geruchssinn miteinander. Wölfe verspritzen ihren Urin auf Baumstümpfe, Felsen, Beuteplätze und an Gabelungen von Waldpfaden und markieren mit ihren Duftdrüsen Baumstämme, gerissene Beutetiere und andere Rudelmitglieder. Genau diese Gerüche veranlassen Eindringlinge normalerweise sofort, sich schleunigst zurückzuziehen.

Die Hierarchie innerhalb des Rudels wird nicht nur durch olfaktorische (geruchsbedingte) Signale vermittelt, sondern auch durch Körperhaltung und Mienenspiel der Tiere. Welpen lernen schon sehr früh, dass Unterwerfung durch eine ganz bestimmte Demutshaltung ausgedrückt wird. Dabei hält das Tier den Kopf gesenkt, die Augen abgewandt, die Ohren flach angelegt und das Maul geschlossen. Im Gegensatz dazu bedeuten Zähnefletschen, Fixieren des Gegners, Aufstellen der Ohren und Sträuben der Nackenhaare dass Vorsicht geboten ist oder sogar ein Kampf bevorsteht. In der Gemeinschaft der Wölfe sind Mienenspiel, Körpersprache und Duftmarkierungen ritualisiert. Sie werden von allen verstanden und dienen dem Zusammenhalt des Rudels.

Dieser Zusammenhalt wird in den späten Wintermonaten mit Beginn der Ranzzeit jedes Jahr erneut auf eine harte Probe gestellt. Wenn die dominante Wölfin des Rudels, in der Fachsprache Alpha-Weibchen genannt, läufig wird, sind Kämpfe an der Tagesordnung. Die männlichen Tiere, allen voran das dominante Alpha-Männchen, beschnüffeln, verfolgen und bedrängen die läufige Wölfin, in der Hoffnung, erhört zu werden. Die Alpha-Wölfin muss währenddessen ihre Autorität in der Gruppe durch Kämpfe mit rangniedrigen Wölfinnen behaupten. Es herrschen rauhe Sitten, Knurren und Heulen nehmen immer mehr zu. Wenn die Spannung ihren Höhepunkt erreicht, entschliesst sich das dominante Paar in den meisten Fällen, seine lange Partnerschaft erneut zu besiegeln und sich zu paaren. Entgegen der weitverbreiteten Meinung sind Wölfe nicht unbedingt monogam. Sie wechseln gelegentlich den Partner, wenn auch nicht sehr häufig. In den meisten Rudeln, mit Ausnahme sehr grosser Gruppen von 15 bis 20 Tieren, paaren sich die übrigen ausgewachsenen Tiere nicht und bleiben ohne Nachkommen.

Etwa 63 Tage nach der Befruchtung (die Tragzeit entspricht der des Hundes) werden die Welpen in einem unterirdischen Bau geworfen. In Texas ist es im Februar oder März soweit, in der arktischen Tundra oft erst im Juni. Während der ersten zwei Wochen sind die jungen blind. Sie leben im Dunkeln und tun nichts anderes als saugen und schlafen. Nach etwa drei Wochen werden die Welpen von der Mutter in der Schnauze durch den Tunnel nach draussen getragen, um die Welt kennenzulernen. Jetzt beginnt eine neue Lebensphase ausserhalb der Höhle. Feste Nahrung, die aus halbverdauten, ausgewürgten Fleischbrocken besteht, gehört mit zur Initiation der Welpen. Ältere Jungtiere helfen den Eltern. Sie passen auf die Kleinen auf, bringen Futter und dienen den einzigen Nachkömmlingen des Rudels als Spielgefährten und Klettergerüst.

Während die Welpen heranwachsen, werden sie immer weiter vom Bau weggeführt. Sie lernen die Pfade, Gerüche und potentiellen Beutetiere kennen und werden in die Jagdtechniken des Rudels eingeweiht. Schon bald verstehen sie das warnende Knurren und Zähnefletschen der Erwachsenen. Wissenschaftler haben beobachtet, wie ausgewachsene Wölfe zu jagen begannen und sich dann abrupt zurückzogen, um den Jungtieren das Feld zu überlassen und zu beobachten, wie geschickt sie das Beutetier einkreisten und wie gut sie seine Schwächen einschätzten.

Im Oktober sind die Welpen fast ausgewachsen und vollständig in das Rudelleben integriert. Einige bleiben ihr Leben lang im Rudel. Wölfe haben eine Lebenserwartung von etwa neun Jahren.

Andere sondern sich nach ein oder zwei Jahren ab und werden zu „einsamen Wölfen“, die oft auf der Suche nach einem geeigneten Geführten weite Strecken zurücklegen. Während dieser Zeit führen sie ein gefährliches Leben, denn als Eindringlinge können sie leicht von alteingesessenen Rudeln angegriffen oder sogar getötet werden.

Wenn der „einsame Wolf“ Glück hat, trifft er auf einen zweiten Wolf, der ebenfalls auf der Suche nach einem Partner in der Nähe umherstreift und versucht, sich vor fremden Rudeln zu schützen. Nachdem in vielen Regionen die Prämienzahlungen abgeschafft wurden und Wölfe nicht mehr bejagt oder vergiftet werden dürfen, nehmen die Bestände in einigen Gebieten allmählich wieder zu, weil „einsame Wölfe“, die einen Partner gefunden haben, ihre eigenen Rudel gründen. Außerdem haben die Regierungen einiger Staaten und Provinzen begonnen, Wolfsrudel in Naturschutzgebieten wieder anzusiedeln, in denen es keine Wölfe mehr gibt. Vielleicht wird Anfang des 21. Jahrhunderts nach vielen Jahrhunderten der Stille der klagende Gesang wildlebender Wölfe wieder über die dunklen Berge und weiten Ebenen Nordamerikas hallen.

 

 

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JAGEN IN FREIER WILDBAHN

 DES WOLFES ZAHN:

DER RÄUBER PRÄGT SEIN OPFER 

 

Bei der Jagd verlässt sich ein Wolf zuerst auf seine Nase, dann auf seine Pfoten, und zum Schluss auf seine vier Zentimeter langen Zähne. Ausgestattet mit einem Hervorragenden Geruchssinn, der ebenso gut oder noch besser ist als der eines Hundes, kann er selbst auf zweieinhalb Kilometer Entfernung noch die Witterung eines Rehs, Seehundes oder Karibus aufnehmen  Sobald Aussicht auf Beute besteht, versammeln sich die Rudelmitglieder und prüfen den Wind, wedeln aufgeregt mit den Schwänzen und spitzen die Ohren, während sie auf das Signal warten, dass die Jagd beginnen kann. Das Rudel wird meist vom dominanten Alpha-Männchen angeführt und bildet eine disziplinierte Jagdmeute. Ein Wolf nach dem anderen trabt auf genau festgelegten Pfaden dem Führer hinterher, während dieser der Witterung folgt.

Der Jagderfolg eines Wolfsrudels wird meist völlig überschätzt. In Wirklichkeit gehen die „gnadenlosen Killer“ in 90 Prozent aller Fälle leer aus. Rehe ergreifen sofort die Flucht, Hirsche machen sich entweder davon oder bleiben stehen und nehmen den Kampf auf, wobei sie ihren Angreifern manchmal durchaus tödliche Wunden zufügen. Moschusochsen formen einen schützenden Kreis aus drohend gesenkten Hörnern und scharfen Hufen um ihre Kälber. In dieser Situation beginnt das Rudel oft, die Beute zu provozieren und zu testen. Es täuscht einen Angriff vor, zieht sich jedoch kurz darauf wieder zurück, um die Reaktion der Beutetiere zu beobachten. Wenn die ganze Herde oder einzelne Tiere fliehen, verfolgt sie das Rudel und versucht, seine Erfolgschancen abzuschätzen. Ein verletzter Hirsch, ein Moschusochsenkalb oder ein alter, durch Krankheit geschwächter Elch bergen das geringste Risiko und stellen die leichteste Beute dar. Ein Wolfsrudel kann seine Opfer mehrere Stunden und Tage lang verfolgen. Dabei legt es sehr weite Strecken zurück, während es geduldig auf den richtigen Moment oder das geeignete Terrain wartet. Auf diese Weise betreibt das Rudel eine Auslese im darwinistischen Sinn, indem es dafür sorgt, dass nur die schnellsten und stärksten Tiere überleben und sich fortpflanzen. Das meinte auch der amerikanische Dichter Robinson Jeffers, als er schrieb: Nur des Wolfes Zahn formt so fein / der flinken Antilope Bein.'

Je nach Beutetier und Terrain wendet das Rudel eine Vielzahl von Jagdstrategien an. Manchmal stellen sich Wölfe genau in Windrichtung vor ihrer Beute auf, um das Tier in einen Hinterhalt zu treiben. Manchmal wird das Beutetier bis zur völligen Erschöpfung gehetzt. Ein anderes Mal umzingelt das Rudel sein Opfer oder treibt die Herde auf offenes Terrain, wo das verletzlichste Tier ausgewählt werden kann.

Der erste Biss gilt meist dem Kopf, Ohr oder Maul der Beute. Die anderen Rudelmitglieder stürzen sich auf die Läufe, Flanken und Kniesehnen und versuchen, das Tier wehrlos zu machen. Das potentielle Opfer kann den scharfen Zähnen seiner Verfolger vielleicht zunächst entgehen, hinterlässt aber eine Blutspur, die sofort vom Rudel verfolgt wird. Meist stirbt es innerhalb weniger Minuten nach dem ersten Biss. Das geschwächte Opfer gibt den Kampf auf, bricht zusammen und wird von seinen Jägern überwältigt und zerfleischt.

Die großen Mahlzeiten werden häufig durch zufällig entdeckte kleine Leckerbissen wie Schneehühner, Wühlmäuse, Schlangen, sogar Wurzeln, Beeren oder überfahrene Tiere ergänzt. Wölfe sind nicht sehr wählerisch, was ihren Speisezettel angeht. Es gibt allerdings auch Berichte darüber, dass Wölfe manchmal aus reiner Mordlust töten. Wissenschaftler erklären damit die gelegentlichen Übergriffe auf Nutztiere oder den urplötzlich erwachenden Jagdtrieb eines Rudels in Zeiten des Überflusses, der sich unweigerlich in einem Angriff entlädt. Diese Beobachtung hat man auch schon bei Füchsen, Hyänen und Raubmöwen gemacht. Es scheint so, als läge einigen Raubtieren die Lust am Verfolgen und Überwältigen eines Opfers im Blut (ein Zug, den der Mensch zur Perfektion ausgebildet hat) und als ob sie ihre Entladung schliesslich in einem kurzen Blutrausch fände. Doch meist führt der Wolf ein scheues Dasein als flüchtiges Schattenwesen, das uns daran erinnert, dass in jedem Raubtier Gewalt schlummert und seine Zähne nicht umsonst so scharf sind.

 

 

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EPILOG

 DIE WIEDERKEHR DER WÖLFE

DIE WILDNIS WIRD ZURÜCKEROBERT

 

 Vor 100 Jahren war der Wolf überall im westlichen Nordamerika vom Aussterben bedroht. In der östlichen Hälfte des Kontinents war er bereits völlig ausgerottet. 1894 brachte der Naturschriftsteller Ernest Thompson Seton den „Currumpaw Wolf“ .aus New Mexico und seine Gefährtin „Blanca“ zur Strecke. In seinem Buch „Lobo, King of the Currumpaw " beschreibt er, wie er die beiden erlegte. Es ist ein Beispiel für das millionenfache  tragische Abschlachten der Wölfe in den USA und Kanada. Drei Jahre später vollendete der Naturmaler Frederic Remington sein Gemälde „Moonlight Wolf“. Das Bild zeigt einen einsamen Great Plains Wolf, eine Untergruppe, die bereits wenige Jahre später ausgestorben war. Überall im Westen erschossen, vergifteten und fingen Prämienjäger (im Fachjargon wurden diese Männer „Wolfers" genannt) mit Hilfe von Fallen und Schlingen so gut wie jeden Wolf im westlichen Teil der Vereinigten Staaten. Überall, wo die  Wölfe zu entkommen drohten, sammelten sich kleine Truppen dieser „Wolfers“. „Three Toes“", der letzte Wolf in South Dakota, der seinen Namen der Tatsache verdankte, dass er sich mir unter Verlust seiner halben Pfote aus einem Fangeisen befreien konnte, wurde 1925 getötet, nachdem ihn 150 Männer verfolgt hatten, die es alle auf die als Belohnung ausgesetzte goldene Uhr abgesehen hatten.

Erst in den 60er Jahren dieses Jahrhunderts begann sich ein Wandel abzuzeichnen. Doch inzwischen waren einige Untergruppen bereits ausgerottet und andere standen kurz vor dem Aussterben. In den 48 amerikanischen Festlandstaaten suchten Wissenschaftler nach Wölfen, konnten jedoch mit Ausnahme von Nordminnesota nirgends mehr Wölfe finden. 1962 schrieb der kanadische Schriftsteller Farley Mowat sein bahnbrechendes Buch „Never Cry Wolf“, einen fiktiven Bericht über das Leben unter Wölfen. (Die deutsche Übersetzung „Ein Sommer mit Wölfen“ erschien 1971.) Das Buch erschien genau zu dem Zeitpunkt, als die Umweltschutzbewegung einsetzte und die Öffentlichkeit langsam zu begreifen begann, dass der Mensch durch sein rücksichtsloses Verhalten und seine massive Umweltverschmutzung ganze Gattungen und Ökosysteme bedrohte.

Innerhalb weniger Jahre erliessen die Regierungen, die zuvor 40 Dollar für jeden erlegten Wolf bezahlt hatten, Gesetze zum Schutz der bedrohten Tierarten, um den Wolf und seinen Lebensraum zu retten. Mitte der 70er Jahre wurden einige der wenigen Überlebenden der meistgefährdeten Wolfsarten (der Rotwolf, der Mexikanische Wolf und der Rocky Mountain Wolf) eingefangen, um sie in Gefangenschaft nachzuzüchten. Doch spätere Versuche, die gefangenen Wölfe im amerikanischen Südosten und in den Wäldern der Rocky Mountains wieder anzusiedeln, waren nicht sonderlich erfolgreich. Auch im Westen nimmt die Wolfspopulation inzwischen wieder zu, weil sich die freilebenden Wölfe im Norden der Staaten Washington, Idaho, Montana und South Dakota vermehren konnten.

Diese positive Entwicklung wurde durch die wachsende Erkenntnis gefördert, dass nicht nur Beutetierpopulationen, sondern auch Raubtierpopulationen ökologisch wichtig sind. Zahlreiche neue Forschungsprojekte, Fernsehdokumentationen und Bücher über das Leben der Wölfe haben zu einem neuen, positiven Bild dieses Tieres geführt, das so lange zu Unrecht verteufelt wurde. Positiv beeinflusst wurde das veränderte Wolfsbild auch von so bekannten Werken wie der Filmversion von „Never Cry Wolf“ aus dem Jahre 1982, dem mit mehreren Oscars ausgezeichneten Spielfilm „Der mit dem Wolf tanzt“, und dem ungeheuer populären Buch „Die Wolfsfrau“ aus dem Jahre 1992, das von den mythischen Elementen in der Entwicklung der Frau handelt. Heute bevölkert der Wolf nicht mehr die Alptraumweit unserer alten, irrationalen Ängste- Man sieht in ihm nicht länger eine Bestie, die es auszurotten gilt, sondern vielmehr ein Symbol für die Gefährdung und Schutzbedürftigkeit der Natur Nordamerikas und die Schönheit der ungezähmten wilden Kreatur

 

 

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Stand: 24. März 2006